Deep Dive: Organe & Wirbelsäule

Kommentar zum Artikel „Haben Kinder Museumsbesucher verdrängt?“
22. März 2025
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Wie alles zusammenhängt

In der Osteopathie betrachten wir den Menschen immer als Ganzes. Ein faszinierendes Beispiel für diese Sichtweise ist die enge Verbindung zwischen unseren inneren Organen und der Wirbelsäule. Was anatomisch voneinander getrennt erscheint, steht funktionell in enger Wechselwirkung – vermittelt über das vegetative Nervensystem, fasziale Strukturen und sogenannte viszerosomatische Reflexe.

Wie Organe und Wirbelsäule kommunizieren

Die inneren Organe sind segmental mit der Wirbelsäule verbunden. Diese Verbindung erfolgt über das vegetative Nervensystem – sowohl über den sympathischen als auch den parasympathischen Anteil. Zusätzlich spielen fasziale Verbindungen eine Rolle, also bindegewebige Strukturen, die mechanische Spannungen übertragen können.

Die segmentale Innervation (vereinfachte Darstellung) einiger Organe sieht wie folgt aus:

  • Herz → Th1–Th5

  • Magen → Th6–Th10

  • Leber/Galle → Th7–Th10

  • Darm → Th9–L2

  • Urogenitaltrakt (Blase, Uterus, Prostata) → Th10–L2 und S2–S4

Diese Zuordnungen basieren auf bekannten Projektionen des vegetativen Nervensystems, wie sie in der Neuroanatomie beschrieben werden. Bei Irritationen oder Entzündungen innerer Organe kann es über diese Wege zu sogenannten viszerosomatischen Reflexen kommen – also zu muskulären Spannungen oder segmentalen Schmerzmustern entlang der Wirbelsäule.

Einfluss in beide Richtungen: viszerosomatisch & somatoviszeral

Nicht nur Organe können die Wirbelsäule beeinflussen – auch somatische Dysfunktionen (z. B. Blockaden oder muskuläre Dysbalancen) können reflektorisch auf die Funktion innerer Organe wirken. Diese Wechselwirkungen werden in der Osteopathie als somatoviszerale Reflexe beschrieben.

Beispiele aus der osteopathischen Praxis

  • Reizdarm → Spannung in der Lendenwirbelsäule (über Th12–L2)

  • Zyklusprobleme → Druckgefühl oder Schmerzen im Sakrum (über S2–S4)

  • Leberstau oder -störung → Spannung im rechten Thoraxbereich (Th7–Th10)

  • Zwerchfellverspannung bei Refluxbeschwerden → funktionelle Einschränkungen Th6–Th10

Solche Beobachtungen entstammen der klinischen Praxis und sollten stets im Zusammenhang mit einer sorgfältigen Diagnostik betrachtet werden.

Faszien: mechanische Verbindung zwischen Organen und Wirbelsäule

Faszien sind bindegewebige Hüllen, die nicht nur Strukturen schützen, sondern auch mechanische Spannungen weiterleiten – etwa von der Organaufhängung bis in die Rückenmuskulatur. Auch diese Spannungsweiterleitung kann einen Beitrag zu Rückenschmerzen oder Bewegungseinschränkungen leisten.

Fazit

Rückenschmerzen können – müssen aber nicht – ihre Ursache im Viszeralbereich haben. Ebenso kann eine Einschränkung an der Wirbelsäule die Funktion eines Organs reflektorisch beeinflussen. Die funktionelle Betrachtung des gesamten Körpers ist daher ein zentraler Bestandteil der Osteopathie. Ziel ist es, Spannungen zu lösen, Bewegung zu ermöglichen und Regulationsprozesse zu unterstützen.


⚠️ Wichtiger Hinweis (Disclaimer)

Osteopathische Behandlungen ersetzen keine ärztliche Abklärung. Wir geben keine Heilungsversprechen ab. Die beschriebenen Zusammenhänge beruhen auf wissenschaftlich fundierten Konzepten der funktionellen Anatomie, Neurophysiologie und Osteopathie – sie sind als ergänzende Sichtweise zu verstehen und nicht als alleinige Therapieform. Bei Beschwerden ist stets eine ärztliche oder fachtherapeutische Abklärung erforderlich.


Quellen & Literaturhinweise:

  1. Willard, F. H., Vleeming, A., Schuenke, M. D., Danneels, L., & Schleip, R. (2012). The thoracolumbar fascia: anatomy, function and clinical considerations. Journal of Anatomy, 221(6), 507–536.

  2. Standring, S. (Ed.). (2020). Gray’s Anatomy: The Anatomical Basis of Clinical Practice (42nd ed.). Elsevier.

  3. Netter, F. H. (2018). Atlas of Human Anatomy (7th ed.). Elsevier.

  4. Chaitow, L., & DeLany, J. W. (2011). Clinical Application of Neuromuscular Techniques: Volume 1 – The Upper Body. Churchill Livingstone.

  5. Schleip, R. (2015). Faszien – Gewebe des Lebens: Grundlagen – Forschung – Therapie. Elsevier.

  6. American Osteopathic Association (AOA): Grundlagen der Osteopathie und reflektorischer Zusammenhänge.

  7. Barral, J.-P. & Mercier, P. (2005). Viszerale Osteopathie in der Praxis. Urban & Fischer Verlag.

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