Schmerz ist nicht immer dort, wo seine Quelle liegt

Kopfschmerzen bei Kindern – warum die Ursache nicht immer im Kopf liegen muss
23. August 2026
Kopfschmerzen bei Kindern – warum die Ursache nicht immer im Kopf liegen muss
23. August 2026
Show all

Schmerz ist nicht immer dort, wo seine Quelle liegt

Die Schulter schmerzt – aber die beteiligten Signale können aus einer anderen Region stammen. Der Rücken tut weh – obwohl sich keine einzelne Struktur als eindeutige Ursache bestimmen lässt.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Aus Sicht der modernen Schmerzforschung ist es jedoch nachvollziehbar.

Was bedeutet „Referred Pain“?

Als Referred Pain oder übertragener Schmerz bezeichnet man Schmerzen, die an einer anderen Stelle wahrgenommen werden als dort, wo die auslösenden Signale entstehen.

Der Grund liegt unter anderem in der Verschaltung unseres Nervensystems. Informationen aus unterschiedlichen Körperregionen können im Rückenmark und in höheren Bereichen des Nervensystems auf gemeinsame Verarbeitungswege treffen.

Das Gehirn muss anschließend interpretieren, woher ein Signal wahrscheinlich stammt. Diese Zuordnung ist nicht immer eindeutig.

Ein klassisches medizinisches Beispiel sind bestimmte Herzerkrankungen, bei denen Schmerzen unter anderem in Arm, Schulter oder Kiefer wahrgenommen werden können.

Und was ist ein „Schmerzgedächtnis“?

Der Begriff wird häufig missverstanden. Im Körper existiert kein Speicher, in dem vergangene Schmerzen einfach abgelegt werden.

Gemeint ist vielmehr die Lern- und Anpassungsfähigkeit des Nervensystems.

Bestehen Schmerzen über längere Zeit, können sich Prozesse der Schmerzverarbeitung verändern. Das Nervensystem kann empfindlicher auf Reize reagieren. In der Schmerzmedizin wird in diesem Zusammenhang unter anderem von Sensitivierung gesprochen.

Dadurch können Beschwerden bestehen bleiben oder leichter ausgelöst werden, obwohl die ursprüngliche Gewebeschädigung bereits abgeheilt ist.

Das bedeutet nicht, dass der Schmerz „nur im Kopf“ existiert.

Der Schmerz ist real. Seine Entstehung ist nur komplexer als ein einfaches Schadenssignal aus einem Gewebe.

Schmerz ist eine Schutzleistung

Schmerz entsteht letztlich durch Verarbeitung im Nervensystem. Dabei berücksichtigt das Gehirn nicht nur Signale aus dem Gewebe, sondern auch Erfahrung, Situation, Aufmerksamkeit, Erwartungen und viele weitere Informationen.

Deshalb gilt heute:

Schmerz und Gewebeschaden sind nicht dasselbe.

Starke Schmerzen können bei vergleichsweise geringer Gewebeschädigung auftreten – und relevante Gewebeveränderungen können teilweise bestehen, ohne Schmerzen zu verursachen.

Wichtig

Diese Zusammenhänge bedeuten nicht, dass Schmerzen grundsätzlich durch das Nervensystem „weginterpretiert“ werden sollten. Neu auftretende, starke oder ungewöhnliche Beschwerden benötigen zunächst eine angemessene medizinische Einordnung.

Merke: Der Ort des Schmerzes ist eine wichtige Information. Aber er ist nicht automatisch eine Landkarte, die exakt zur Ursache führt.

Quellen – Auswahl

International Association for the Study of Pain (IASP): Definition und aktuelles Verständnis von Schmerz.

Raja SN et al. The revised International Association for the Study of Pain definition of pain. Pain. 2020.

Woolf CJ. Central sensitization: implications for the diagnosis and treatment of pain. Pain. 2011.

+ Online-Rezeption öffnen
Online Termine buchen